Foto: Stefan Hartmann / zVg

Facelifting für ein Schindelhaus

Der Umgang mit alter Bausubstanz ist nicht einfach. Die Sanierung von historischen Häusern erfordert Geduld und viel Fingerspitzengefühl.

Text — Stefan Hartmann

 

DAS FRISCH RENOVIERTE HOLZHAUS …

…in Stäfa strahlt im milden Licht des Dezembernachmittags. Das Einfamilienhaus, Baujahr 1928, konnte das Paar Regine und Markus Imholz vor sieben Jahren per Zufall übernehmen. Das alte Holzhaus hatte es ihnen sofort angetan. Hier möchten sie sesshaft werden. Aber die teils baufällige und unschöne Fassade sollte von Grund auf erneuert werden. Die rot angemalte Schindelholz-Fassade hatte ihre besten Zeiten gesehen, und die mit Blechen verkleidete Westseite, die Wetterseite, liess ästhetisch zu wünschen übrig. «Da die Westseite vom Schlagregen stark beansprucht wird», sagt Markus Imholz, «war eine robuste und trotzdem ansprechende Lösung gefragt.»

Vorher

Foto: Stefan Hartmann / zVg

Nachher

Foto: Stefan Hartmann / zVg

Vorher: Nordwest-Ansicht des Holzhauses mit der alten Schindel-/ Blech-Fassade. Nachher: West-Ansicht mit neuer Fassade. Das Haus in Stäfa ist ein gelungenes Beispiel, wie die Architektursprache des Hauses bewahrt werden konnte.

RAT AUF DER BAUMESSE

Markus Imholz machte sich kundig. Auf der Baumesse in Zürich kam er mit der Interessengemeinschaft
Altbau (igaltbau) ins Gespräch. «Ihr Ansatz gefiel mir – alte Häuser nicht einfach abbrechen, sondern wieder sorgfältig instand stellen.» Bei der Suche nach dem geeigneten Fassadenmaterial für das Haus Imholz wurden verschiedene Lösungen diskutiert. Eine Eternitfassade oder eine auf Holz basierende Canexel-Paneele schieden aus. Am ehesten kam eine neue «Schindelschlaufe» (Schindelfassade) aus Fichtenholz in Frage, ähnlich wie bei einem Toggenburgerhaus.

Schindelfassaden haben den Nachteil, dass sie rasch einmal fleckig werden. Wo sie unter dem Vordach geschützt sind, bleiben die Schindeln relativ frisch. Doch dort, wo sie dem Wetter ausgesetzt sind, werden sie bald silbrig grau. So entschied sich die Bauherrschaft für eine andere Holzlösung – vorvergraute Fichtenschalungen, die horizontal angeschlagen wurden. Zur Oberflächenbehandlung wurde eine Vergrauungslasur (Saicos), die auf natürlichen pflanzlichen Ölen und Wachsen basiert, auf die Bretter aufgetragen. Alle vier Hausseiten wurden einheitlich mit den Fichtenbrettern beplankt. «Das Haus wirkt heute eleganter, weil wir die Fassade tiefer heruntergezogen haben», erläutert Architekt Silvan Harringer (Schäublin Architekten).

Foto: Stefan Hartmann / zVg
Foto: Stefan Hartmann / zVg
Foto: Stefan Hartmann / zVg

Hinterlüftung in der oberen Fensterleibung und im Übergang vom Sockel zur Holzfassade; verglaste Veranda mit Blick auf den See.

FASSADE MIT AEROGEL ISOLIERT

Als die alten Blechverkleidung und die darunter befindlichen Schindeln entfernt wurden, kam ein klassischer, intakter Strickbau im Schwalbenschwanzverband zum Vorschein. «Eigentlich viel zu schade, um ihn wieder zu überdecken», bedauert Bauherr Markus Imholz, «aber es galt, den Strickbau gegen Wetter und Kälte zu schützen.» Bei der Isolation schieden dicke Wärmepolster wie Styropor oder Steinwolle von vornherein aus. Imholz: «Das hätte den Charakter der Fassade massiv verändert; die Fenster wären hinter tiefen Leibungen verschwunden.»

Als Lösung stiess er auf den neuartigen Dämmstoff Aerogel, der einst in der Raumfahrt entwickelt wurde.
Der hochwirksame Dämmstoff hat geringe Materialstärke, wenig Gewicht und verfügt über eine ausgezeichnete Dämmwirkung. Aerogelmatten oder -putze sind diffusionsoffen, wasserabstossend und zudem schwer brennbar. Sie bestehen zu 95 bis 97 Prozent aus Luft. Als Vliese und Matten ist der Dämmstoff ausgesprochen flexibel. Er kann deshalb auch in schwierigen Bereichen eingesetzt werden, etwa bei denkmalgeschützten Häusern. Das Material ist nicht ganz billig; es kostet rund Fr. 140.- pro Quadratmeter, ersetzt aber die drei bis vierfache Dicke von herkömmlichen Isolationsplatten.

Der Dämm-Aufbau der Aussenfassade im Haus Imholz besteht aus Spaceloft Aerogel (20 mm). Darauf folgen: ein Windpapier, 40 mm Hinterlüftung und die vorvergrauten Tannenbretter. «Wir haben heute zwar kein Minergiehaus, aber es ist winddicht, und wir haben nirgends Feuchteprobleme», erklärt Markus Imholz. Aerogel-Matten eignen sich auch bestens für die Innendämmung und ermöglichen eine gute Dämmwirkung bei geringem Wohnraumverlust. Im Fall des Einfamilienhauses von Markus und Regine Imholz wurde die Innendämmung bereits vor rund zehn Jahren vorgenommen, und zwar mit Steinwolle (40 mm) und Gipskartonplatten (10 mm). Auch die Fenster und das Dach wurden damals erneuert; die Keller- und Estrichdecke erhielten eine Dämmung. Der Gesamteindruck des Hauses zeichnet sich durch gelungene Details aus. So wurden die Rundungen an den vier Hausecken, die Übergänge von der Fassade zum Dach beibehalten und durch diskrete Bleche vor Verwitterung geschützt.

Foto: Stefan Hartmann / zVg

Südansicht mit besonnter Veranda.

MARKANTE STAKETENGELÄNDER

Auch die auskragenden Abschlussbretter oder Verandastützen sind durch feine Schnitzereien verziert. «Wir haben die vorhandene Formensprache wiederaufgenommen, was zum Beispiel den Eingangsbereich authentischer wirken lässt», erklärt Architekt Harringer. Ein markantes Zeichen setzen die weissen Staketengeländer an Westbalkon und Veranda. Die Sanierung der Fassade nahm insgesamt neun Wochen in Anspruch. Einzig das Farbkonzept musste der Gemeinde vorgelegt werden.

Die Hauptarbeiten am Haus Imholz in Stäfa hat das Handwerkskollektiv (Zürich) von der Gruppe igaltbau ausgeführt. Ben Bither, Geschäftsleiter des Zimmereibetriebs, freut sich über die gelungene Restaurierung, hätte sich aber durchaus wieder eine Schindelfassade vorstellen können. Zufall: Ganz in der Nähe des Hauses Imholz ist vor kurzem eine Grossüberbauung fertiggestellt worden – die Flachdachhäuser haben alle eine Schindelfassaden. Da sie kein Vordach haben, sind sie dem Wetter ausgesetzt, was bereits heute sichtbar ist.