Mein Freund, der Baum

Erst ein Baum macht den Garten komplett. Doch geht man mit ihm einen Bund fürs Leben ein. Seine Wahl will daher überlegt sein.

Text — Raphael Hegglin

 

Wo lässt es sich draussen besser ein Nickerchen machen, ein Glas Wein geniessen oder spielen als unter einem Baum? Er dient als Schattenspender, hält Regen fern, und seine im Wind rauschenden Blätter laden zum Träumen ein. Der Hausbaum hat eine lange Tradition. Schon die babylonischen Könige versammelten sich in ihren Gärten unter Tamarisken und Dattelpalmen, bei den Assyrern – ebenfalls mehr als tausend Jahre vor Christi Geburt – dufteten Obstbäume neben Zedern und Eichen, und die Römer schnitten ihre Bäume bereits zu Skulpturen und setzten sie als zentrale Gestaltungselemente in ihren Gärten ein. Viele unserer Bäume gehen auf sie zurück: So brachten die Römer zum Beispiel Esskastanie, Walnuss und Platanen in unsere Breitengrade. Noch heute sind sie für uns wichtige Nutz- und Zierpflanzen.

Lebensfreude pur: Fruchttragende und blühende Bäume sind besondere Hingucker.

DIE GRÖSSE BEACHTEN

Bäume begleiten die Menschen schon seit Jahrtausenden. Einmal im Leben soll man einen Baum pflanzen, besagt ein altes Sprichwort. Doch ist das einfacher gesagt als getan. Jedenfalls, wenn es nicht irgendeiner, sondern der richtige Baum sein soll. Denn Bäume werden – wenn man sie lässt – alt. Sie überdauern Generationen und würden die meisten Häuser überleben, neben denen sie stehen. Dabei hören sie nie auf zu wachsen. Zu Beginn schneller, später etwas langsamer.

Wer durch ältere Quartiere wandelt, dem wird auffallen: Zahlreiche Bäume überragen die dortigen Häuser. Viele von ihnen stehen so nahe, dass ihre Äste die Wände berühren, Fenster verdecken und gegen Dächer drücken. An den durch sie beschatteten Stellen am Haus wachsen teilweise Algen und Schimmel. Und ihre Wurzeln können Gebäude schädigen, indem sie Kellerwände durchstossen und Wegplatten verrücken. Zu gross geratene Bäume sind manchmal sogar gefährlich: Bei Sturm können ihre Äste abgerissen werden, oder sie fallen gar um – aufs Haus oder noch schlimmer auf Menschen. «Die Wahl des Hausbaumes sollte eine fürs Leben sein – oder mindestens für Jahrzehnte», sagt Josef Poffet, Fachbereichsleiter Produktion und Handel bei Jardin Suisse. Der Gartenbauingenieur weiss: «Oft werden Baumarten gewählt, die zu gross werden.»

INFO

DAS RICHTIGE PFLANZGUT

Bei Bäumen macht sich Qualität besonders bezahlt. Pflanzen aus regionalen Baumschulen sind bereits an das Klima vor Ort angepasst und haben dadurch einen Startvorteil im Garten.

Auch werden Bäume in Baumschulen mehrmals umgepflanzt, damit sie auf den bevorstehenden Standortwechsel vorbereitet sind. Solche Jungbäume haben einen kompakten, fachgerecht gepflegten Wurzelballen.

Dank hohem Anteil an Feinwurzeln können sich solche Bäume optimal mit Nährstoffen und Wasser versorgen. Ebenfalls wichtig ist eine makellose Rinde und dass Stamm, Krone sowie Wurzel in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

FRISCHE FRÜCHTE

Wie finden Gartenbesitzer den passenden Baum? Zuerst sollte man sich darüber klarwerden, welche Funktion ein Baum übernehmen solle, sagt Josef Poffet. «Muss er Früchte tagen, möchte man unter ihm einen Sitzplatz einrichten, oder soll er vor allem durch seinen Blütenschmuck auffallen?»

Wer neben dem Gestaltungseffekt auch etwas für die Küche haben möchte, ist mit einem Obstbaum wie Apfel oder Quitte gut bedient. «Hier gibt es kleinwüchsige Formen, die bestens in einen Garten passen und trotzdem ansehnliche Stämme und Kronen bilden.» Beim Apfel sollte man dabei auf eine feuerbrandresistente Sorte achten. So hat zumindest diese – tödliche – Pflanzenkrankheit keine Chance im eigenen Garten. So viel Freude selbst gezogene und geerntete Früchte auch bereiten, etwas sollte beim eigenen Obst- oder Fruchtbaum nicht vergessen gehen: Was nicht geerntet wird, fällt zu Boden, verfault und zieht Insekten an. Gerade Wespen können so im Herbst zur Plage werden. Wer sich für einen Früchte tragenden Baum entschliesst, sollte deshalb jedes Jahr ernten.

Kugel-Ahorn
Bild: rb-b.de / Fotolia.com

Trompetenbaum
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Apfelbaum
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Zierkirsche
Bild: rb-b.de / Fotolia.com

GRÜNE KLIMAANLAGE

Als Schattenspender eignen sich Bäume mit ausladender Krone. Dabei ist die Auswahl gross: Ob Felsenbirne, Zierkirsche oder Kastanie, unter vielen Bäume lässt sich im Sommer eine erfrischende Pause einlegen. Dabei können Bäume wahre Klimaanlagen sein: Sie geben kühlende Feuchtigkeit an die Umgebung ab, filtern Staub sowie Schadstoffe aus der Luft und produzieren gleichzeitig Sauerstoff.

Soll der Baum nahe am Haus stehen, empfehlen sich Arten, die in vollbelaubtem Zustand immer noch genug Licht hindurchlassen – sonst verdunkeln sie den Wohnbereich dahinter zu stark. Ideal sind Bäume mit lockerer, lichter Krone und feinem Laub. Der Vorteil von Laubbäumen: In der kalten, düsteren Jahreszeit lassen sie viel Licht hindurch, da sie ihre Blätter im Herbst abwerfen. Allerdings ist viel Laub nicht allen Hausbesitzern willkommen, denn es muss jeden Herbst eingesammelt und weggeführt werden. Wer diesen Arbeitsaufwand scheut, ist mit einem passenden Nadelbaum besser beraten.

INFO

KLETTERN UND SCHAUKELN

Bäume können ein wunderbarer Spielplatz sein. Doch gilt es, dabei einiges zu beachten, da Rinde und Äste sonst dauerhaft geschädigt werden können. Damit Äste durch kletternden Kinder oder Schaukeln nicht abbrechen, müssen sie genug Last tragen können. Die Faustregel besagt, dass Äste ab 20 cm Dicke genug stabil sind. Doch auch dann bleibt ihre Rinde empfindlich. Seile sollten daher nie direkt auf ihr liegen. Als Polsterung sollte man die Seile mit einem dicken Gummischlauch umhüllen oder Teppichreste zwischen Seil und Baum einklemmen. Wer auf den Baum klettert, sollte dazu Schuhe mit weichen Sohlen tragen oder das noch besser barfuss tun – auch das schont die Rinde. Zusätzlich sollte man Rücksicht auf die Tierwelt nehmen: Beherbergt ein Baum nistende Vögel, sollte er während der Brutzeit möglichst in Ruhe gelassen werden.
Bild: Alexey Fedorenko/Fotolia.com

WELCHER BAUM PASST?

Bäume erfreuen jedoch nicht nur Menschen, sie bieten zahlreichen Tieren einen Lebensraum. Vögel tummeln sich in ihren Kronen, und sie dienen Bienen als Weide. Die Kornellkirsche zum Beispiel wird nicht umsonst auch «Tierlibaum» genannt. Ihre essbaren Früchte werden von Mensch und Tier gleichermassen geschätzt, und ihre Blütenpracht lädt Bienen zum Honigsammeln ein.

Nutzbaum oder reine Zierde? Bevor sich Gartenbesitzer auf die Suche nach ihrem Wunschbaum machen, sollten sie herausfinden, was sie von ihrem Baum erwarten. Danach haben sie die Qual der Wahl. Das Angebot an einheimischen sowie fremdländischen Gehölzen ist kaum überschaubar. «Es ist empfehlenswert, sich von einer Fachperson beraten zu lassen und eine Bodenanalyse durchzuführen», sagt Josef Poffet. Denn je nach Standort und Bodenbeschaffenheit würden sich andere Bäume eignen.

Grundsätzlich sind einheimische Baumarten robust und passen besser ins hiesige Ökosystem als ihre exotischen Verwandten. Doch wachsen viele von ihnen im Laufe der Zeit zu wahren Riesen heran. Auch was Form und Grösse betrifft, lohnt es sich deshalb, einen Profi zu Rate zu ziehen. Er hat ein Auge dafür, was in einen Garten passt und was eher nicht geht. Denn: «Ein gut gewählter Baum erfreut Generationen – es lohnt sich also, den passenden zu finden», ist Josef Poffet überzeugt.